Biblische Klanggeschichten am Cembalo
Das Cembalo als Geschichtenerzähler erleben kann man am 3. April um 16.30 Uhr in der Oberlungwitzer Abteikirche. Kantor Johannes Baldauf bringt vier der 6 Biblischen Historien von Johann Kuhnau (1660-1722) am 2-manualigem Cembalo zu Gehör. In diesen Sonaten werden Geschichten des Alten Testaments musikalisch nacherzählt. Die einzelnen Sätze der mit „Sonaten“ bezeichneten Klanggeschichten geben einzelne Szenen der biblischen Handlung wieder. Zwischen den Stücken werden die Bibeltexte und Kuhnaus eigene Programmtexte rezitiert. Außerdem kann durch Texteinblendungen per Beamer die Handlung hörend mitverfolgt werden. Dadurch wird die Phantasie des Zuhörers angeregt; das Musik lasst die Handlung lebendig werden. Als Kuhnau im Jahr 1700 seine „Musicalische Vorstellung einiger biblischer Historien“ veröffentlichte, war dies der erste Versuch in der Musikgeschichte überhaupt, komplexes Handlungsgeschehen auf einem Tasteninstrument umzusetzen. Dies war bis dahin der Oper und dem Oratorium vorbehalten. Erleben Sie ein ausgefallenes Cembalokonzert mit Text, Bild und Musik, welches dem Publikum ein ganz besonderes Klangerlebnis zu bieten hat. Der Eintritt ist frei, es wird um eine Kollekte für die Orgelsanierung gebeten.
Veranstalter: Kirchgemeinde Oberlungwitz
Zum Programm
Oper auf dem Klavier! So könnte man es auf den Punkt bringen, wenn man die 6 biblischen Historien Johann Kuhnaus kurz und bündig beschreiben wollte. Doch handelt es sich nicht - wie im 17./18.Jhd. üblich - um antike Epen, die dieser Musik zugrunde liegen, sondern um biblische Geschichten des Alten Testaments – außergewöhnlich. Die Komposition geht auch nicht von einem Berufsmusiker als Interpreten, oder einem Konzertpublikum aus; Kuhnau schrieb die 6 Sonaten für die damaligen Musikzimmer der Bürgerhäuser „allen Liebhabern zum Vergnügen “. Statt passiven Fernsehens, das unsere Freizeitgestaltung in unserer Zeit maßgeblich einnimmt, gehörte es um 1700 zum guten Stil, sich in seiner Freizeit an das hauseigene Clavier zu setzten, und aktiv zum eigenen Vergnügen zu musizieren. Kuhnaus Musik, und insbesondere seine Claviermusik (womit zunächst jedwedes Tasteninstrument zu verstehen ist) kam seinerzeit in der Bevölkerung sehr gut an. Die Clavierkompositionen des angesehenen Universalgelehrten Kuhnau, der seit 1684 in Leipzig Organist an der Thomaskirche war (er war der unmittelbare Vorgänger Johann Sebastian Bachs in diesem Amt) fanden reißenden Absatz. 10 Jahre nach dem Erstdruck im Jahre 1700 erschien schon die 4. Auflage seiner Biblischen Historien. Das war für damalige Zeiten außergewöhnlich. Auch außergewöhnlich war, dass Kuhnau den Begriff der Sonate auf das Clavier bezog, der bis dahin eigentlich eine Zusammenstellung von Sätzen für das Ensemblespiel bezeichnete. Außergewöhnlich auch, wie hier die Beschäftigung mit Biblischen Geschichten zum musikalischen Privatvergnügen wird, wo sich sonst die Heilige Schrift in den liturgischen Gebrauch des kirchlichen Lebens einzuordnen hatte. Bibelwort kann – so macht es Kuhnaus Umgang mit den alttestamentlichen Geschichten deutlich - eben nicht nur ausschließlich von ordinierten Theologen ausgedeutet werden, sondern jeder, auch der Musiker kann seinem Blickwinkel, seiner Deutung des Bibelwortes Ausdruck verleihen. Insofern handelt es sich bei den Biblischen Historien auch um einen Beitrag zur Privaten Religionspädagogik - außergewöhnlich. Kuhnaus Biblische Sonaten sind schon seinerzeit heftig diskutiert worden. Teils wurde Kuhnau vorgeworfen, die Musik der einzelnen Sätze würde nur schlecht oder gar nicht zu den Überschriften passen, welche das erklingende Handlungsgeschehen erläutern. Doch da jedermanns Phantasie, die des Komponisten, die des Interpreten und die des Hörers unterschiedlich ist, wird es wohl immer verschiedene Meinungen zur „Übersetzungsqualität“ von Bibeltext in „Klangrede“ geben. Spannend bleibt es auf jeden Fall, was sich aus Kuhnaus Musik heraushören lässt. Eine Musik die ganz besonderer Weise aktives Mithören herausfordert – eben Außergewöhnlich!
Das Instrument
Kantor Johannes Baldauf spielt die Biblischen Sonaten Kuhnaus auf einem 2-manualigem Flämischen Konzertcembalo, das nach Vorbildern historischer Originalinstrumente der Familie Ruckers (Antwerpen) 1982 von einem renommierten Orgelbauer aus Kiel erbaut wurde (17./18Jhd.). Dabei ist der Tonumfang des Instruments im Stile des französischen Ravalements leicht erweitert. Es ist mit zwei 8’ und einem 4’ ausgestattet. die sich über Flankenzüge registrieren lassen. Beide 8’ können mit einem Lautenzug gespielt werden. Außerdem ist der 8’ des Obermanuals mit einer piano/forte-Einrichtung versehen, die durch minimale Veränderung der Anrissstelle des Kieles einen mehr oder weniger harten Ton erzeugt. Wie bei 2-manualigen Instrumenten üblich, besitzt auch dieses Cembalo eine Schiebekoppel, durch die das Obermanual an das Untermanual gekoppelt werden kann.
Das Flämische Cembalo zeichnet sich durch eine dunkle Klangfärbung, einem fülligem Klang und einem runden Ansatz aus, und eignet sich sehr gut für konzertante Cembalomusik um 1700.
Vita Johannes Baldauf
• Geboren 3.10.1980 in Leipzig
• 1986 erster Klavierunterricht
• Seit 1989 musikalische Ausbildung an der jetzigen Kreismusikschule Löbau-Zittau in Klavier und Musiktheorie, später auch in Improvisation
• Ab 1995 Orgelunterricht
• 1998-2000 mehrmalige Teilnahme am Wettbewerb „Jugend musiziert“
• 1999 Abitur in Löbau
• 2000-2006 Kirchenmusikstudium an der Hochschule für Kirchenmusik in Dresden, beendet mit dem Kirchenmusik-A-Diplom,
• 2001-2006 intensive Cembaloausbildung bei Raphael Alpermann (Mitglied der Akademie für Alte Musik Berlin und der Berliner Barock Solisten)
• Seit 2000 Konzerttätigkeit an der Orgel
• 2005 Teilnahme am VII. Internationalen Silbermannwettbewerb
• Seit 2006 gelegentliche Konzertätigkeit am Cembalo
• Seit September 2006 Kirchenmusiker in den Kirchgemeinden Oberlungwitz und Gersdorf
Veranstalter